„Simulation der Freiheit“ ist die Rezension des Hardcore-Survivalgames „DayZ“. Der ausführliche Text ist für ein branchenfremdes Publikum in einer überregionalen Wochenzeitung aufgearbeitet.

Plattform: Digital Text
Format: 1235 Wörter, 8500 Zeichen
Farbe: –
DayZ ist eines der erfolgreichsten Survival-Spiele der letzten Jahre. Weil es sich selbst unspielbar macht.
von Tizian Schöni
„Sobald ich Hunger kriege, bin ich praktisch schon tot!“, schreibt ein sichtlich verärgerter Spieler, und setzt einen roten, nach unten zeigenden Daumen über seinen Kommentar. „Zweihundert Stunden gelaufen und noch keiner Menschenseele begegnet“, schreibt ein anderer. Nicht empfohlen.
Das Computerspiel, über das hier so wütend rezensiert wird, nennt sich DayZ, und im Wesentlichen besteht es aus einer gigantischen, 225 Quadratkilometer grossen Kartenregion. Im Norden und Westen dichte, schier endlose Wälder, im Süden und Osten weite Strandabschnitte und Küstenstädte. An irgendeinem dieser Strände muss ich mich im Moment befinden. Hinter mir liegt das Meer, das ruhige Rauschen der Wellen vermischt sich mit schrillen Vogelschreien aus dem naheliegenden Waldstück.
Obwohl ich keine Menschenseele sehe, bin ich nicht allein. Etwa hundert andere Spielende steuern ihre „Überlebenden“ in diesem Moment über Chernarus, so heisst diese verlassene digitale Landschaft. Dass ich einem von ihnen in den nächsten Stunden begegne, ist unwahrscheinlich. Misst man die Spieleranzahl an der Kartengrösse, hat die heruntergekommene Gegend eine noch tiefere Bevölkerungsdichte als Kanada.
DayZ wird in der Welt der Videospiele in die Kategorie der Survival Games eingeordnet. Survival, zu Deutsch überleben, ist denn auch das oberste Ziel in diesen Spielen, einen Sieg oder ein Ende des Spiels gibt es selten. Bei Ego-Shootern stirbt man im Sekundentakt, nur um an einem bestimmten Ausgangspunkt erneut als Soldat ohne Namen wieder aufzutauchen. Bei Jump and Runs fällt man als lustige Spielfigur in einen bodenlosen Abgrund und verliert dafür ein rotes Herzchen am oberen linken Bildschirmrand. Survival Games hingegen sind Simulationsspiele: Sie bilden spezifische Realitäten nach. Und ganz besonders DayZ wird dadurch erbarmungslos. Die einzige Aufgabe ist, sich irgendwie durchzuschlagen. Das Fehlen weiterer Leitplanken kreiert eine Illusion ungemeiner Freiheit, und gepaart mit scheinbar endloser Landschaft sind Survival Games in einer Zeit der Ausgangssperren, Reiseverbote und Grenzschliessungen so beliebt wie nie geworden. Seit Beginn der Pandemie Anfang 2019 hat sich die regelmässige Spielendenzahl von DayZ fast verdreifacht. Ungefähr 20‘000 Personen pro Monat loggen sich auf einen der Server ein. Andere Titel aus demselben Genre, Rust, Ark: Survival Evolved, der Neuling Valheim oder der Klassiker Minecraft verzeichnen einen ähnlichen Anstieg an Spielenden. Ein Survival Revival erfasst gerade die Welt der Computerspiele.
Mittlerweile habe ich mein Inventar geprüft. In den Hosentaschen befinden sich ein Apfel, vier Stofffetzen und ein Leuchtstab. Der Apfel ist schnell verspeist, aber mein Charakter scheint immer noch hungrig zu sein. Ein Symbol leuchtet in der Ampelfarbe Gelb auf. Vorsicht! Also mache ich mich auf zu einer kleinen Siedlung in unmittelbarer Nähe. Denn Zivilisation verspricht Lebensmittel, Werkzeuge und vielleicht sogar eine Waffe zur Verteidigung. In den leerstehenden Gebäuden findet sich ein nützliches Küchenmesser, ein abgenutzter Mantel und eine halbvolle Flasche Wasser. Keine Nahrung zwar, aber immerhin etwas Flüssigkeit. Doch schon nach kurzer Zeit taucht ein weiteres Symbol auf meinem Bildschirm auf, es sieht wie eine Art Virus aus. Bin ich etwa krank?
Nur ein Steinwurf entfernt befindet sich ein verlassener Bauernhof. Zusätzlich zum Schlottern kommt bei meinem Charakter jetzt auch noch ein leises Stöhnen, sobald ich ihn mit meiner Hochstelltaste zum Sprinten zwinge. Als ich bei den Gebäuden ankomme, ist das kleine Kreuz, das meine Gesundheit anzeigt, bereits gefährlich leer. Verzweifelt suche ich nach etwas Essbarem, und tatsächlich: Das muntere Gackern eines Huhns tönt hinter der Scheune hervor. Meine Rettung? Das Tier ist schnell gefangen, mit dem gefundenen Messer filetiert und verspeist. Roh? Egal, die Not kennt kein Gebot. Nur, schon nach kurzer Zeit erbreche ich meinen gesamten Mageninhalt zurück in die Landschaft. Nun bewege ich mich nur noch schleppend fort, Hunger, Durst und die sonderbare Krankheit manifestieren sich als dunkle Schlieren auf meinem Bildschirm, mein Sichtfeld verengt sich immer weiter. Ich höre noch ein dumpfes Geräusch, als mein Charakter auf den Boden sackt. „Du bist tot.“, erscheint in kleinen weißen Lettern da, wo gerade eben noch Wälder, Wiesen, Meer und Strand zu sehen waren.
Der Entzug von relevanten Informationen und die damit verbundene Unmöglichkeit, eine Ursache zu bestimmen sind es, die DayZ zu einem vorzüglichen Freiheitssimulator machen. Als Spieler werde ich mit scheinbar zufälligen Ereignissen konfrontiert, auf die ich nur unter Zuhilfenahme meiner Vernunft adäquat reagieren kann. Der praktische Freiheitsbegriff ist der Antrieb eines jeden Survival Games. Hühnchen roh essen? Ganz schlechte Idee.
DayZ verbirgt also bewusst bewusst Orientierungs- und Handlungsmöglichkeiten vor dem Spielenden. Ich weiss, dass ich krank bin, aber ich weiss nicht, ob es ein einfacher Schnupfen, eine Grippe oder eine der acht anderen Krankheiten im Spiel ist. Ich kann eine dicke Jacke anziehen, um in der Nacht nicht frieren zu müssen. Aber wenn es regnet, ist das Kleidungsstück schneller durchnässt, und vielleicht werde ich krank? Zur Orientierung helfen mir Sonne, Sterne oder das Strassennetz, aber was bringt mir das ohne eine Landkarte? Und habe ich endlich eine Touristen-Wanderkarte gefunden, sind darauf die Militärstützpunkte natürlich nicht eingezeichnet, in denen besonders wertvolle Gegenstände zu finden wären.
Nach meinem ersten „Run“ bin ich empört: Gaukelt mir dieses Spiel etwa Hilflosigkeit vor? Schliesslich könnte ich mich auch auf das eigens befüllte „Gamepedia“ verlassen. Dort wird das Spiel akribisch in seine Einzelteile zerlegt. In langen Tabellen kann ich mir anschauen, welches Kleidungsstück wie gut gegen Regen, Kälte oder Angriffe mit Stichwaffen schützt. Es gibt Listen aller in der Spielewelt verfügbaren Gegenstände. Es sind an die tausend. Und natürlich stellt mir das Internet auf Wunsch auch eine interaktive Beute-Karte zur Verfügung. Dort sind nicht nur die Militärstützpunkte eingezeichnet, sondern ich kann auch für jedes der 2100 auf der Karte platzierten Gebäude durch Mausklick herausfinden, in welche Gütekategorie die Beute in diesem Haus fällt.
In der Welt der Videospiele nennt man diese Informationen Meta. Mit ihnen könnte ich die so bedrängende Hilflosigkeit im Spiel überlisten, meine Krankheiten liessen sich ergoogeln, ein Heilmittel wäre schnell gefunden. Aber ich will nicht. Warum?
In Wahrheit ist der strategische Mangel an Information nur der Kitt, der den Freiheitssimulator zusammenhält. Das DayZ-Gebäude besteht jedoch aus soliden Mauersteinen, und das sind die Akte der Selbstbestimmung. Da es kein festes Ziel gibt, kann ich tun und lassen, was ich will. Nichts muss mir heilig sein, ich kann nach meinen ultimativen, selbsterhobenen Prinzipien handeln.
Die Begegnungen mit anderen Spielenden, sie sind die grössten Risiken in DayZ. Und zugleich die grössten Chancen. Durch Zusammenarbeit lassen sich schwere, allein fast unlösbare Aufgaben bewältigen, zum Beispiel der Zusammenbau eines Autos. Aber Kooperation bedingt auch Vertrauen. Meine erste Begegnung lässt mich mit einem Russen zusammenkommen. Wie in vielen anderen Mehrspieler-Games kommuniziere ich per Mikrofon. Ein zögerliches „hello?“ und die F1, um meine Hand zu heben wirken Wunder. Wir tauschen einige Ausrüstungsgegenstände aus und entscheiden, uns zusammen in die nächste Stadt aufzumachen. Gemeinsam ist es sicherer. Nach zwei Spielstunden verabschiedet sich der Russe. Noch fünfzehn Sekunden setzt sich der alte, weißhaarige Mann mit seinen stahlblauen Augen vor mir auf den Boden, krächzt mit Teenager-Stimme ein „svidaniya!“, dann verschwindet er im Nichts.
Mittlerweile habe ich DayZ etwa fünfzig Stunden gespielt. In Game lebe ich seit mehreren Tagen: Einen grossen Rucksack voller Werkzeuge, Medikamente und Lebensmittel trage ich immer mit mir herum. Ich kann einen Beinbruch behandeln, säubere mein Wasser vor dem Trinken mit Chlortabletten, auch ein Jagdgewehr zur Verteidigung habe ich dabei. Gerade jogge ich über eine Anhöhe, als ich am Rande meines Blickfeldes eine Bewegung wahrnehme. Kurz darauf wird mein Bildschirm schwarz, ein peitschendes Geräusch ertönt, etwas Schweres sackt auf den Boden. Du bist tot.
Die Freiheit, sie hat selbst in Computerspielen ihren Preis.
