Diese Buchrezension wurde für das Winterthurer Kulturmagazin Coucou verfasst. Es bezieht sich auf den Stadtreiseführer „111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss“.
Plattform: Online
Farbe: Text, 3 Bilder

Du denkst, du kennst Winterthur in- und auswendig? Schliesslich lebst du seit Jahren hier, hast jedes Museum besucht, in jeder Beiz getrunken, jede Sehenswürdigkeit besichtigt? Weit gefehlt!
Es ist ein Reiseführer der anderen Art, nicht für fotografierende japanische Touristen, sondern für Winterthurer höchstselbst. Genau deshalb lockt er mich an diesem regnerischen Vormittag in die Stadtbibliothek. «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss», heisst es umständlich auf dem Buchumschlag. Ich nehme neben einem älteren Herrn mit gesetzter Miene platz, er ist bereits ins Buch vertieft. Als er die Seite mit dem Dach des neuen Busbahnhofs aufschlägt, lehnt er sich zu mir rüber. «Wissen Sie, weshalb das Teil so viele Löcher hat?» fragt er schelmisch und antwortet gleich selbst: «Für jeden Seich vom Stadtrat eines».
Lebt schon lange in Winterthur, denke ich mir. Und auf die Frage, warum es ihn denn an die Buchvorstellung verschlagen habe, heisst es «Winterthur Tourismus». Was will denn ein Stadtführer bitteschön mit einem Buch über die Stadt, durch die er gewöhnlich führt?
Die Antwort erschliesst sich mir bei weiterer Beobachtung. Mein Sitznachbar blättert erstaunt durch die Seiten. Aufgeregt tuschelt er mit seiner Begleiterin. «Also das mit dieser Mutprobe ist mir neu», «Wo steht dieses Denkmal?», «Da war ich noch nie drin». Offenbar lernen hier sogar waschechte Sightseeing-Experten noch was dazu.
Zum Beispiel, dass der erste schriftliche Verweis auf Vitudurum – so heisst die Stadt im lateinischen – heute kaum beachtet im Rathausdurchgang steht. Oder, dass eines der wohl hässlichsten Bahnhofdächer der Schweiz ein Planbeispiel für dutzende Haltestellen im Land hätte dienen sollen – was dann aber aus Kostengründen nicht passierte. Auch wenn einem der ein oder andere Ort schon bekannt ist: Mit Anekdoten und sorgfältig recherchierten Details zur Lokalität erzählt jede Seite etwas neues.
Genau das war denn auch das Ziel von Autorin Corrine Päper. Vier Jahre hat sie an ihrer Liste mit Winterthurer Orten gebastelt, die eben noch nicht jeder kennt – und wenn, dann zumindest nicht so gut wie sie. Auf ihren ausgedehnten Jogging-Trips habe sie die Stadt kennengelernt, schwärmt sie im Interview. Aber auch Tipps von Kollegen, einige davon selbst alteingesessene Winterthurer, hätten ihr geholfen.
Die Idee zum Buch kam derweil aus Deutschland: Der Emons-Verlag aus Köln führt eine Reihe aus über zweihundert Bänden von «111 Orte…» und vertreibt die meisten Ausgaben mit grossem Erfolg. Für Berlin allein erschienen beispielsweise drei verschiedene Führer, insgesamt hätten sie sich rund 120’000 mal verkauft. Aussergewöhlich für die Reihe sei insbesondere, dass sie eine grosse lokale Abnehmerschaft finde, teilt die Dame vom Verlag mit. Das werde in Winterthur ganz ähnlich sein, raunt es vom Landbote-Journalisten. Der Winterthurer, das ist klar, liebt seine Stadt. Und dieses Buch, es ist eine Liebeserklärung an «Winti». Die Angestellte aus der Stadtbibliothek weiss jedenfalls zu berichten, dass die ersten Exemplare bereits ausgeliehen seien.
